Interview mit Lisa Zimmermann, Netzwerkstelle Kulturelle Bildung Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien
Unser Kulturraum ist geprägt von Vielfalt – und zwar in ganz unterschiedlichen Dimensionen. Wenn ich in der Region unterwegs bin, beeindruckt mich immer wieder die Weite. Wir sprechen hier von einem Kulturraum, der von den Bergbaufolgelandschaften des Lausitzer Seenlands über die Heide- und Teichlandschaften bis hin zu den Gebirgsregionen im Süden reicht. Jede dieser Landschaften bringt eigene Geschichten, Traditionen und Perspektiven mit. Das prägt auch die kulturelle Bildungsarbeit. Kultur findet hier nicht an einem zentralen Ort statt, sondern verteilt sich über viele Gemeinden, Dörfer und Städte. Genau darin liegt für mich eine besondere Qualität – und natürlich viele Herausforderungen.
Kulturelle Bildung bedeutet hier oft, Menschen über größere Entfernungen hinweg miteinander zu verbinden und kulturelle Teilhabe dort zu ermöglichen, wo Begegnungsorte nicht selbstverständlich vor der Haustür liegen.
Besonders prägend ist hier das sorbische Siedlungsgebiet. Die Sorbinnen und Sorben sind hier ein einzigartiger Teil der Identität der Region. Je mehr man darüber erfährt, desto deutlicher wird, wie lebendig und vielfältig die sorbische Kultur ist. Ob bei Festen, in der Musik, in Geschichten, Bräuchen oder in der Sprache – überall gibt es etwas zu entdecken. Für mich liegt darin auch eine große Stärke für die kulturelle Bildungsarbeit: Sie lädt dazu ein, Fragen zu stellen, sich auf Neues einzulassen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die sorbische Kultur zeigt wie bereichernd kulturelle Vielfalt sein kann, wenn sie als selbstverständlicher Teil des Zusammenlebens erlebt wird.
Hinzu kommt die besondere Lage im Dreiländereck. Die Grenzen zu Polen und Tschechien sind für mich weniger Trennlinien als vielmehr Räume der Begegnung. Gerade in kulturellen Projekten entstehen immer wieder spannende Kooperationen und Perspektivwechsel.
Und vielleicht ist es genau diese Mischung, die den Kulturraum für mich ausmacht: die landschaftliche und kulturelle Vielfalt und die europäische Offenheit durch die Grenzlage.
Wenn ich auf die aktuelle Entwicklung schaue, habe ich vor allem eine klare Erwartung: dass Beteiligung ernst gemeint ist. Das heißt für mich, dass die Stimmen aus der Praxis und aus den umsetzenden Netzwerkstellen nicht nur abgefragt werden, sondern tatsächlich in die weiteren Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einfließen.
Der Grundgedanke, die Netzwerkstellen für Kulturelle Bildung stärker in die Kulturraumförderung zu integrieren, ist aus meiner Sicht grundsätzlich sehr sinnvoll. Er setzt ein wichtiges und richtiges Signal: nämlich, dass Kulturelle Bildung in Sachsen strukturell bedeutsam ist und langfristig gedacht wird.
Bereits im aktuellen Kulturraumgesetz findet die Kulturelle Bildung eine Erwähnung (§3 Absatz 1: „Dabei sind Einrichtungen und Maßnahmen der Kulturellen Bildung angemessen zu berücksichtigen.“). Entscheidend wird aber sein, wie das in der Novellierung konkret ausgestaltet wird. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Mittel besteht immer auch die Gefahr, dass „Integration“ am Ende schlicht Umverteilung bedeutet – und damit faktisch weniger wird.
Für mich ist deshalb zentral, dass die Verteilung fair, transparent und nachvollziehbar erfolgt. Gleichzeitig muss es weiterhin möglich bleiben, dass in den einzelnen Kulturräumen passgenaue Projekte entstehen, die sich an den jeweiligen regionalen Schwerpunkten orientieren. Kulturelle Bildung lebt ja gerade davon, dass sie nicht nach einem einheitlichen Muster funktioniert, sondern sehr stark regional geprägt ist.
Wenn eine Erhöhung der Kulturraumförderung mit einer Berechnung für Kulturelle Bildung verbunden wird, dann sollte aus meiner Sicht auch klar im Kulturraumgesetz verankert sein, dass diese Mittel tatsächlich für die Strukturen der Kulturellen Bildung – insbesondere für Netzwerkstellen – eingesetzt werden müssen. Sonst besteht die Gefahr, dass diese Gelder je nach Prioritätensetzung vor Ort unterschiedlich interpretiert oder umgelenkt werden und Kulturelle Bildung langfristig an Sichtbarkeit und Verbindlichkeit verliert.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich die Zielgruppe. In der aktuellen Förderrichtlinie liegt der Fokus auf Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre, teilweise wird im weiteren Kontext bis 27 Jahre gedacht. Gleichzeitig richtet sich generell die Kulturelle Bildung nicht ausschließlich an Kinder und Jugendliche, weil kulturelle Teilhabe, kreativer Ausdruck und gesellschaftliche Mitgestaltung für Menschen jeden Alters bedeutsam sind. Gerade vor dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft sollte dieser Aspekt stärker in den förderrechtlichen Grundlagen verankert werden.
Mein Vorschlag wäre daher eine feste, verlässliche Struktur mit einem fairen Verteilerschlüssel – angelehnt an die Systematik der Kulturraumförderung – zur Finanzierung der Netzwerkstellen in den Kulturräumen. Diese sollte mindestens eine Personalstelle umfassen. Ergänzend dazu sollten die Kulturräume weiterhin die Möglichkeit haben, zusätzliche Projektmittel zu beantragen, um spezifische, regional entwickelte Vorhaben umzusetzen. Denn jeder Kulturraum hat unterschiedliche Voraussetzungen, Bedarfe und Ideen – und genau diese Vielfalt sollte auch künftig ausdrücklich ermöglicht und unterstützt werden.
Ja, die Frage der Mobilität beschäftigt unseren Kulturraum schon viele Jahre. Es ist herausfordernd, die Möglichkeit der Teilhabe an Kunst und Kultur im ländlichen Raum zu schaffen. Doch gerade diese Herausforderung eröffnet auch Chancen. Kulturelle Bildung muss hier beweglich, kreativ und nah an den Lebenswelten der Menschen sein. Projekte gehen in die Orte hinein, schaffen Begegnungen direkt vor Ort und entwickeln Formate, die gemeinsam mit den Menschen entstehen. Dadurch wird kulturelle Teilhabe nicht nur ermöglicht, sondern oft sehr persönlich und unmittelbar erfahrbar. Viele starke Projekte, die ich kenne, sind gerade deshalb erfolgreich, weil sie aus den Bedürfnissen und Ideen der Menschen vor Ort heraus wachsen.
Wir können glücklicherweise zusätzlich zwei Mobilitätsprojekte in unserem Kulturraum umsetzen. In Trägerschaft des hiesigen Verkehrsverbunds, des Zweckverbandes Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien, können wir mit dem Projekt Kultur:erfahren Fahrtkosten für Bildungseinrichtungen zu kulturellen Veranstaltungen erstatten. Das ermöglicht vielen sehr abgelegenen Schulen und Kitas überhaupt erst, kulturelle Angebote wahrzunehmen. Auch anteilige Kosten für Busanmietungen können hier gefördert werden. Die Nachfrage ist hoch, und wir hoffen sehr, dass wir das Programm noch viele Jahre fortführen und weiterentwickeln können.
Ein weiteres wichtiges Projekt ist KulturPfadfinder. Hier geht es darum Kinder und Jugendliche aktiv an kulturelle Orte, Künstlerinnen und Künstler sowie kreative Angebote heranzuführen. Das Projekt versteht sich gewissermaßen als Brücke: Es verbindet Bildungseinrichtungen, Kulturakteure und junge Menschen miteinander. Hierfür können Bildungseinrichtungen partizipative künstlerische Angebote unterschiedlicher Genres buchen und bekommen die Umsetzungs- und Fahrtkosten erstattet. Gerade im ländlichen Raum braucht es solche vermittelnden Strukturen, weil Angebote nicht immer automatisch gefunden werden und weil Hemmschwellen bestehen können.
Aus meiner Sicht liegt die Lösung also nicht in einem einzigen Instrument, sondern in einem Zusammenspiel verschiedener Ansätze: Wir brauchen mobile Angebote, die in die Orte kommen, verlässliche Unterstützung bei Fahrtkosten, gute Netzwerke zwischen Kultur und Bildung sowie Menschen, die vermitteln, begleiten und Türen öffnen. Entscheidend ist, dass kulturelle Bildung nicht als etwas verstanden wird, das nur an zentralen Orten stattfindet. Sie muss dorthin gelangen, wo Kinder und Jugendliche leben, lernen und ihren Alltag verbringen.
Wenn das gelingt, wird aus der Herausforderung der weiten Wege sogar eine besondere Stärke: Kultur wird nicht nur besucht, sondern sie entsteht vor Ort — gemeinsam mit den Menschen, aus ihren Erfahrungen, Fragen und Ideen heraus.

